Als Flachlandler zur Bergliebe?

Blick in die Eisenerzer Alpen und das Gesäuse. Man sieht im Vordergrund einen grünen Berg mit Gipfelkreuz. Dahinter massive Berge im Dunst.

Nach einem Essen mit einem Freund fragt er mich plötzlich, wie ich denn als Flachlandler zu meiner Bergliebe komme. Das ist durchaus eine gute Frage, über die ich dann tatsächlich kurz nachdenken musste. Tja, ging denn das nun?

Ich bin im Flachen aufgewachsen. Im Vergleich zu Norddeutschland sind das zwar immer noch Berge, bei uns nennt man sie aber liebevoll Hügel.

Eine Kindheit weiter weg von Bergen, kann man in Österreich sonst nur noch im Burgenland oder in Wien verbringen.

Mit den Eltern war ich kein einziges Mal auf einem Berg. Ich wüsste auch von keiner Erzählung, die auch nur im entferntesten mit Bergen zu tun gehabt hätte.

Mit 19 war ich mit meiner damaligen Freundin auf dem Goldeck in Kärnten. Damals gab es noch die Goldeckseilbahn. Mit dieser ging es dann auf die Bergstation, um dann ein paar Schritte am Berg herumzulaufen. Augen für die Landschaft hatte ich nicht. Aber es war wohl der erste richtige Berg für mich.

Durch das Studium zog ich näher an die Berge ran, wenngleich es in der Nähe von Graz nur das Grazer Bergland mit einigen Bergen gibt. Alles andere ist dann doch mindestens 1 bis 1,5 Stunden entfernt. Aber immerhin.

Viele Jahre später folgten einige kleinere Wanderungen mit den zukünftigen Schwiegereltern und meiner Frau in spe. Die Schwiegermutter-Bergfexin, quasi am Berg aufgewachsen, legte stets eine beachtliche Schrittfolge vor. Kaum jemand konnte ihr folgen, unglaublich flott und zäh.

Diese Ausflüge hielten sich aber in Grenzen. So richtig war es nicht das unsrige.

„Owa mei Kondi is vull im Oarsch“ …

… sagte ich dann Jahre später auf einer Wanderung, die uns zu einer genüsslichen Jause in der Nähe von Graz führen sollte. Es war die „Wanderung“, die ausschlaggebend für meine weiteren sportlichen Aktivitäten werden sollte. Besser gesagt, für den Start derselben.

Tatsächlich habe ich es wirklich nur knapp die wenig hundert Höhenmeter geschafft. Schwer am Atmen und Schwitzen, gab ich den Clown, aber innerlich fühlte ich mich gar nicht gut. Es war wirklich Zeit, nach 15 Jahren Arbeit für die Karriere, etwas für die Fitness zu tun.

Laufen und Radfahren

Ich startete mit dem Lauftraining. Laufen hielt ich immer für sehr langweilig und ich musste mich wirklich sehr überwinden. Aber es ist ein Sport mit doch relativ geringem Zeitaufwand. Schlussendlich musste ich aber passen. Die Knie spielten nicht mit und ich brauchte eine Alternative.

Knieschonender ging es mit dem Rad zuwerke. Das artete tatsächlich recht intensiv aus und es kamen relativ schnell sehr große Strecke zusammen. Mit entsprechendem Outfit und Rad, war ich dann schnell der Veloblitz hier in der Gegend.

Langsam baute ich Ausdauer auf und das tat gut. Das war so rund um 2014.

Body Weight Training

Zusammen mit damaligen Arbeitskollegen trainierten wir auch immer wieder in Arbeitspausen. Klimmzüge, Liegestützen, Burpees und mehr stand am täglichen Plan. Das sorgte für eine gute und stabile Core-Muskulatur – besonders wichtig für den Rücken, wenn man den ganzen Tag vorm Computer sitzt.

Radfahren kostet zuviel Zeit

Seit 2010 habe ich eine Führungsfunktion und bin entsprechend ganz gut mit Arbeit eingedeckt. Radfahren kostet einfach viel Zeit. Neben Arbeit und Familie war es sehr schwierig, die Zeit dafür zu finden. Oft setzte ich mich erst spät am Abend aufs Rad und spulte im Dunkeln 50km herunter.

Dabei gab es mehr als eine brenzlige Situation. Als relativ frischer Papa war mir das auch viel zu gefährlich. Es brauchte eine Alternative.

Laufen! Ja, genau. Laufen!

Aber die Knie!

Ich brauche also eine Strategie, meinen Körper aufs Laufen vorzubereiten.

Erste Wandertouren

Fünf, sechs Stunden auf dem Rad. Gut, da geht sich eine Wanderung auch aus. Zuerst waren es nur kleinere Wanderungen. Hier auf den Hausberg, da ein paar hundert Höhenmeter. Keine der anfänglichen Wanderungen ging über 500 Höhenmeter.

Allerdings begann ich einen tiefere Genugtuung zu empfinden. Es machte mir Spaß, mich in der Natur zu bewegen, kurze Pausen einzulegen und gelegentlich zu fotografieren.

Gerade die Fotografie, die sich seit 2013 sehr intensiv betreibe, war hier ein Gamechanger. Ich merkte sehr schnell, dass ich mein liebstes Hobby mit Bewegung kombinierten konnte.

Fotografie + Wandern = Glücklichsein

Ich fotografiere gerne Menschen und ich hatte auch immer einen Faible für die Streetfotografie. Aber erst bei der Landschaftsfotografie fühlte ich eine große Entspannung und Befreiung vom Alltag.

Ich konnte durch wunderschöne Landschaften wandern, Gegenden erkunden und wirklich schöne Aufnahmen machen.

Mit der Zeit wurde die Ausdauer besser und ich schaffte immer mehr Höhenmeter. Es war quasi ein Wettbewerb mit mir selbst. Je mehr Höhenmeter ich schaffte, umso spektakulärere Plätze konnte ich erreichen.

Plätze, die kaum besucht sind, weil sie wenig zugänglich sind und viele Menschen diese Strapatzen nicht auf sich nehmen.

Dazu kam, dass ich 2015 das Unternehmen wechselte und einen sehr lieben Freund zurückließ. Nicht nur fotografierte er auch sehr gerne, auch die Natur hatte es ihm angetan und wir konnten das gut in Einklang bringen und Zeit miteinander verbringen.

Die ersten 1000 Höhenmeter

2019 war es dann soweit. Die erste Wanderung mit über 1000 Höhenmetern stand an und wurde geschafft.

Felsiger Boden mit einem einfachen Gipfelkreuz. Im Hintergrund sieht man ein schönes Bergpanorame angedeutet. Der Himmel ist wolkenlos.
Gipfelkreuz Meßnerin

Vom Panorama war ich so geflashed, dass mich das zusätzlich anspornte und ich immer mehr Zeit in der Natur und speziell auf Bergen verbrachte.

Die Wanderungen wurden immer anspruchsvoller, länger und höher.

Eigentlich leide ich unter Höhenangst. In vielen Situationen musste ich mich ihr stellen. Einige Male brach ich ab, andere Male fühlte ich mich sicher und überwand meine Angst.

Die Ruhe und ich

Was ich schnell beim Sitzen und Stärken am Gipfelkreuz lernte: Der Blick in die Ferne und die Ruhe entspannen. Man hat Zeit für sich, kein Ablenkung und kann jeden Moment so richtig auskosten.

Wunderbar für mich, denn ich halte es sehr gut mit mir selbst aus.

Blick über die typische provenzialische Landschaft mit schroffen Felsen, sandigem Boden und grünen Gewächsen. Dahinter im Hintergrund der langgezogene Luberon.
Aussicht Les trois Croix, Provence

Laufen und Trail

Die zunehmende Ausdauer und die Stärkung der Muskulatur brachte es mit sich, dass ich schließlich doch wieder mit dem Laufen begann und das Radfahren damit ersetzte.

Ich spare damit unter der Woche einfach so viel Zeit. Rad fahre ich nun nicht mehr als Sport, aber zunehmend als Verkehrsmittel.

Wandern und Laufen weckten eine neue, momentan frisch keimende Neugierde: Trail-Running.

Gerade beim Laufen von Steigungen geht mir relativ schnell die Puste aus. Daher trainiere ich seit einiger Zeit das Laufen von Höhenmetern. Das Ziel ist, Trail zu laufen. Nicht übertrieben, aber ein paar hundert Höhenmeter sollten schon drin sein.

Die Liebe zu den Bergen

Im Zuge meiner langjährigen Annäherung an die Berge hatte ich viele wunderbare Erlebnisse und schöne Momente mit zahlreichen Menschen. Ich ahbe für mich einen Ruhepol gefunden, der funktioniert. Ein Ruhepol, der mich zurück auf den Boden holt, mir die Zeit gibt, Erlebnisse und Einstellungen zu reflektieren, aber auch Ruhe zu erfahren und meine psychischen Batterien aufzuladen.

Natürlich werde ich nie ein echter Bergfex sein. Mit meiner Höhenangst kann ich vieles nicht erleben und für einige Dinge bin ich tatsächlich zu alt bzw. werde die dafür notwendige Fitness nie mehr erlangen. Aber das ist nicht schlimm. Ich mache, was geht und derweilen steigere ich mich von Jahr zu Jahr. Es sind wunderschöne Erlebnisse, die ich nicht mehr missen möchte und ich bringe durchaus nette Fotos mit nach Hause.

Ich könnte mir heute ein Leben ohne Berge nicht mehr vorstellen.

Kommentare

2 Antworten zu „Als Flachlandler zur Bergliebe?“

  1. Avatar von Aurelia

    Nu musste ich erst überlegen „ häh wieso ist der Norbert ein Flachländer, der ist doch Östereicher! „ *lach…
    Flachland ist hier im Norden, Östereich ist Bergland, ihr Östereicher macht mich fertig mit euren eigenen Definitionen 😀
    Spannende Story und ganz viel Spaß wenn du den ersten Trail läufst 👍

    1. Avatar von Norbert

      Danke.
      Auch wir haben Gegenden mit kleinen Hügeln, flachen Gegenden und keinen Bergen. Gerade im Osten sind wir teilweise weit weg von den hohen Bergen des Westens 🙂

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