Als Kinder noch frei waren

Dieser ganze Überwachungskram nimmt ungeahnte Ausmaße an. Aktuell macht A1 regelmäßig Werbung für die Kids Watch, mit dem abschließenden Satz “ … damit Sie immer wissen, wo ihr Kind ist“.

Ich kann mich noch ganz gut an meine Kindheit erinnern. Kaum war die Schule zu Ende, ging es nach Hause, die Aufgaben wurden schnellstmöglichst hingekratzelt, rauf aufs Rad und weg. Ich kam zurück, wenn es dunkel war. Meistens, manchmal später.

Meine Eltern hätten im Grunde keine Chance gehabt, mich zu finden. Nur ganz selten saßen wir bei einem Freund in seinem Zimmer. Meist waren wir im Freien auf unseren BMX-Rädern unterwegs. Wir fuhren durch Wälder, bauten Bunker, gruben Höhlen, hämmerten Baumhäuser zusammen, spielten bei einem Freund, bei der Schule, am Sportplatz oder sonstwo Fußball. Manchmal bauten wir einen Damm am Bach, oder schraubten an unseren BMX-Rädern herum.

Es gab so viele Dinge, an so vielen unterschiedlichen Plätzen, die wir taten. Das schönste: Es gab keinerlei Überwachung. Klar, es gab ein paar wenige Regeln, die wir einhalten sollten, aber sonst war da nichts. Unsere Eltern hatten in Wahrheit keine Ahnung, wo wir waren, wann wir wirklich nach Hause kommen würden und was wir taten. Kamen wir zu spät nach Hause, gab es kurz Stunk, aber das war es dann auch schon wieder.

Im Nachhinein betrachtet war es aber wunderschön, diese Freiheit gehabt zu haben. Nicht nur die Zeit mit Freunden verbringen zu können, sondern auch bewusst unauffindbar zu sein oder zumindest unbeobachtet.

Mit den technischen Hilfsmitteln wendete sich hier das Blatt. Ich kann mich noch an Gespräche, ja richtige Diskussionen erinnern, als die Kids im Baby-Alter waren und das Thema Babyfone aufkam. Wir hatten eines, aber wirklich nur ein sehr eingeschränktes. Manch andere Eltern hielten uns für nahezu verrückt, warum wir denn keines mit Atmungserkennung und was-weiß-ich-noch-alles hatten.

Mit dem ersten Smartphone und den Smartwatches geht das aber alles noch einen großen Schritt weiter. Nun werden Kinder auf Schritt und Tritt überwacht. Eltern wissen zu jedem Zeitpunkt, wo ihre Kinder sind.

Ich finde das erschreckend. Vor allem aus der Sicht des Kindes. Kinder müssen bestimmte Regeln lernen, ganz klar. Als Eltern muss man dem Kind aber auch Vertrauen vermitteln und Eigenständigkeit beibringen. Wie soll das funktionieren, wenn ständig ein Überwachungsgadget ans Kind geschnallt ist?

Aber KINDESENTFÜHRUNG! Klar, weil Täter sich der Gadgets nicht entledigen. Wie naiv kann man sein`?

Ich finde diese Entwicklung sehr dramatisch. Man muss Kinder auch Kind sein lassen und man muss es nicht immer und überall überwachen.

Fediverse-Reaktionen

Kommentare

5 Kommentare zu „Als Kinder noch frei waren“

  1. Avatar von MadameAurelia

    @hello 👍 gut geschrieben

  2. Avatar von Mesalunita

    Ich gebe dir vollkommen recht. Muss dir aber auch sagen, dass ich tatsächlich manchmal ganz froh darüber bin, meine Große orten zu können. Allerdings nutze ich das dann eher, um nachzusehen, ob sie am Ziel gut angekommen ist oder wenn wir uns zum Beispiel irgendwie verabredet haben, um zu gucken, wie lange sie noch braucht. Wenn sie mit ihren Mädels unterwegs ist, schaue ich nicht nach, wo sie gerade stecken. Da lasse ich ihr tatsächlich die Freiheit. Es gibt auch kein Warner, wenn sie einen bestimmten Bereich verlässt *hihi*… Das war ja immer DAS Thema bei den Kinderuhren.
    Ich finde man sollte schon ein gewissen Maß an Vertrauen den Kindern mitgeben. Mich würde es auch stören, wenn ich dauerhaft getrackt werden würde 😉

    1. Avatar von Norbert

      Ich kann das schon verstehen, dass man im Zweifelsfall wissen möchte, wo das Kind ist.

      Aber trotz all der Sorgen und Angst, haben es Kinder verdient, frei von zu intensiver Überwachung aufzuwachsen. Mir scheint aber, du siehst das eh auch so.

  3. Avatar von Bock

    Früher wussten Eltern oft nur ungefähr, wo ihre Kinder waren, und erstaunlicherweise kamen die meisten trotzdem wieder nach Hause.

    Heute kann man den Nachwuchs auf den Meter genau orten. Vertrauen ist technisch offenbar schwerer nachzurüsten. 🦌

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