Wandergruppe aus Bergnot gerettet – Anmerkungen

Eine Illustration der Sportarten Laufen, Radfahren und Wandern

So häufig kommt es vor, dass einzelne Wanderer oder Wandergruppen aus Bergnot gerettet werden müssen. So auch kürzlich wieder, wie unter https://steiermark.orf.at/stories/3334054/ zu lesen ist. Ich kenne den Berg und die typische Wanderroute sehr gut, weshalb ich einige Anmerkungen loswerden möchte.

Ich verbringe viel Zeit auf den Bergen und weiß daher, wie gefährlich sie sein können. Eine gute Vorbereitung ist immens wichtig, aber auch ein laufendes Bewerten einiger Parameter während der Wanderung.

Was ist passiert?

Der verlinkte Artikel ist schnell zusammengefasst:

Sechs Wanderer zw. 21 und 24 Jahren bewandern das Gößeck. Einige haben schon beim Aufstieg Probleme, sie gehen trotzdem weiter. Dann finden sie den Abstieg nicht. Sie starteten um 7:30 Uhr und waren um 15:00 Uhr am Gipfel.

Einer der Studenten war schließlich so erschöpft, dass er einen Schwächeanfall erlitt und kurzzeitig das Bewusstsein verlor.

(orf.at)

Gößeck? Zahlen, Daten Fakten!

Bevor ich näher darauf eingehe, ein paar Daten.

Höhe: 2.214m

Der Wanderweg 693 führt über 13km mit Startpunkt Bauernhof Zeller (Scharndorf) auf den Gipfel. Der Startpunkt liegt auf 893m. Es sind also knapp über 1.300 Höhemeter zu überwinden.

Über den Wanderweg 691 kommt man von Kammern auf das Gößeck. Hier erwarten einen ca. 18km Wegstrecke mit ebenfalls knapp über 1200 Höhenmetern.

Schlussendlich gelangt man über den Wanderweg 690 und der Kaiseralm über 20km und und 1.200 Höhenmeter hinauf.

Ich kenne gerade den Wanderweg 693 sehr gut. Hier die Daten einer meiner letzten Touren auf das Gößeck:

Screenshot von Daten zur Wanderung:
Distanz: 13km
Dauer: 6:34:26h
Durchschnittliche Geschwindigkeit: 2,9 km/h
Aufstieg: 1.329hm
max. Höhe: 2.212m
Pace: 20:21 min/km
In Bewegung: 4:24:36h
max. Geschwindigkeit: 11,7km/h
Abstieg: 1.265m
min. Höhe: 894m

Trotz ausgiebiger Pause am Gipfel (ca. 1h) komme ich auf eine durchschnittliche Geschwindigkeit von fast 3km/h (was schon recht langsam ist).

Meine Wanderung fand Mitte Oktober statt, d.h. es wurde zusätzlich erst wesentlich später dunkel.

Aktueller Sonnenuntergang: 16:10 Uhr

Analyse

Auf einige Themen aus dem Bericht möchte ich eingehen. Sehen wie sie uns an.

Bereits beim Aufstieg klagte einer der Studenten, dass er sich müde und schwach fühle, zudem sei ihm unwohl. Dennoch überredeten ihn die anderen weiterzugehen.

(orf.at)

Wenn jemand schon so weit geht und den anderen gesteht, dass er sich unwohl fühlt und sich eigentlich nicht in der Lage sieht, den Aufstieg durchzuziehen, dann sollte diese Person niemals überredet werden, weiter zu machen.

Vielmehr muss diese Person umkehren und zumindest mit einer weiteren Person den Rückweg antreten. Niemals alleine. Eigentlich bleibt die gesamte Gruppe zusammen.

Das Ziel war der 2.214 Meter hohe Gipfel des Gößecks, den die Gruppe kurz nach 15.00 Uhr erreichte.

(orf.at)

7,5 Stunden nur für den Aufstieg? Für die kürzeste Strecke bedeutet dies eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 0,8km/h. Nicht einmal ein ganzer Kilometer in einer Stunde. Bei der längsten Strecke sprechen wir von immerhin 1,3km/h.

Die Tageslicht-Zeiten muss man im Überblick haben und auch Zeitpunkte fürs Umdrehen bereits im Vorfeld definieren. Das ist Teil der Vorbereitung und der Fortschritt muss während der Wanderung laufend geprüft werden. Ist absehbar, dass es eng werden könnte, muss eine Rückkehr in Betracht gezogen werden.

Danach fanden die jungen Männer allerdings den richtigen Abstieg nicht und irrten durch unwegsames, steiles Gelände bergab.

(orf.at)

Vom Gipfel gibt es nicht viele Möglichkeiten. Sehen wir uns die Karte mit der Hangneigung an:

Kartenmaterial vom Gößeck mit eingezeichneten Wanderwegen, sowie einer vordefinierten Route. Es ist zusätzlich die Hangneigung eingezeichnet, die vor allem Richtung Westen und Norden über 45° aufweist.
Quelle: Bergfex.at / OpenStreetMap

Die dunkelroten und violetten Stellen sind de facto tödlich. Das schränkt den Bewegungsspielraum deutlich ein. Egal welchen Wanderweg sie genommen haben, sie sind von der westlichen Seite gekommen. Der schwarze T2/T3-Wanderweg, der nach rechts führt, führt zum Geierkogel und ist eine „Sackgasse“.

Laut Bericht scheinen sie auf 1600m aufgefunden worden zu sein. Das sind 600 Höhenmeter weiter unten. Hier nochmals ein größerer Ausschnitt:

Größere Karte vom gesamten Gebiet mit vier Gipfeln. Diese Karte zeigt die Topologie des Gebietes sehr gut. Zusätzlich sind ach die Höhenlinien zu sehen und per roter Linie die Höhenlinie 1600 Meter markiert.
Quelle: bergfex.at / OpenStreetMap

Die oberere, breitere rote Linie ist der Wanderweg 693, die untere rote Linie ca. die 1600 Meter Makierung.

Wenn die zwischen Geierkogel und Grieskogel runter sind, dann wurde mindestens einmal der Wanderweg überquert. Dass sie rechts Richtung Geierkogel gegangen sind, kann ich mir nicht vorstellen, wenn sie von links ans Gipfelkreuz kommen und den gleichen Weg zurück nehmen möchten. Hinterm Grieskogel vorbei, also Wanderweg 690, müssten sie diesen auch gefunden haben.

Was auch immer hier passiert ist, sie haben sich offensichtlich die Wanderung im Vorfeld nicht gut genug angesehen. Das muss aber sein. Die gewünschte Tour muss grob im Kopf gespeichert sein, zumindest die groben Wegpunkte und die ungefähre Topologie.

Erkenntnisse, kurz zusammengefasst

  • Wandertour planen
    • Kartenmaterial sichten
    • Wegpunkte merken
    • Topologie einprägen
    • Zeiten Sonnenauf und -untergang wissen
    • Distanz kennen und Umkehrpunkte definieren
    • Die Kraft muss nach oben UND nach unten reichen
  • Während der Wanderung
    • Bei Verletzungen, Muskelproblemen, Kreislaufschwächen, großer Ermüdung sofort umkehren
    • Fortschritt der Wanderung ständig prüfen und frühzeitig umkehren (bevor man rechnerisch in Dunkelheit gerät) – vor allem, wenn man die Gegend nicht kennt
    • Position prüfen, Papierkarten und entsprechende Techniken, Smartphone mit Kartenmaterial + Tracking

Fazit

Zum Glück scheint keinem was passiert zu sein, obwohl es auf diesem Berg zahlreiche wirklich gefährliche Stellen gibt. Wir dürfen dankbar sein, dass es eine Bergrettung gibt, die uns im Falle des Falles hilft. Aber bitte, fordert das nicht heraus, sondern bereitet euch auf eure Touren anständig vor. Auf der Couch sieht alles gleich mal gemütlich und easy aus. Die Realität ist da leider häufig anders.

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